Fāṭima al-Fihrī: Gründerin der ersten Universität

Bildungsferne, rückwärtsgewandte und stereotypgesteuerte, ja sogar frauen- und menschenverachtende Fanatiker gehören heutzutage zu den Assoziationen von denen viele Menschen förmlich geprägt zu sein scheinen, wenn sie von der islamischen Zivilisation oder dem Nahen Osten hören.

Angesichts der katastrophalen Lage der islamischen Welt und einer noch katastrophaleren Berichterstattung über sie, scheint dies auch nicht verwunderlich. Doch wie falsch dieses Bild ist, das wir insbesondere im Westen als Kollektiv vom Islam haben und welch Unrecht wir damit den muslimischen Wegbereitern des modernen Fortschritts tun, wird erst klar, wenn wir uns mit brillianten Köpfen, wie Fāṭima bint Muḥammad al-Fihrī (800-880 nach Chr.) befassen.

Fāṭima al-Fihrī entstammte einem wohlhabenden Elternhaus mit hohem kulturellem Kapital. Sie war die Tochter eines gebildeten und erfolgreichen Händlers, der im Zuge einer großen Migrationswelle aus seiner Heimat Kairouan (Tunesien) nach Fès (Marokko) umsiedelte und dabei seine Familie mitnahm. Dessen Erbe nutzte Al-Fihrī 859, um eine Madrasa (deutsch: Medresse) namens al-Qarawīyīn zu gründen. Ein Ort, an dem islamische Bildung erworben und verbreitet werden sollte. Schnell zeigten sich die Früchte der großzügigen Investition der fest entschlossenen Visionärin, als die Absolventen ihrer Madrasa kurze Zeit später als nahmhafte Gelehrte islamwissenschaftlicher Disziplinen in die Geschichte des Orients eingingen und somit die islamische Zivilisation sowie ihre historische Entwicklung maßgeblich beeinflussten.

Fès entwickelte sich in diesen Jahrhunderten zu einem Wissenszentrum, welches auch außerhalb Marokkos sehr bekannt wurde. Genauso studierten dort Gelehrte der Naturwissenschaften, wie z.B. der im Westen als ,,Dreses“ bekannte Kartograf, Geograph und Botaniker namens Abu Abd Allah Muhammad ibn Muhammad ibn Abd Allah ibn Idris al-Idrisi (1100-1166 nach Chr.), der unter anderem auch ein Absolvent der al-Qarawīyīn gewesen ist. Somit interessierten sich auch Nichtmuslime aus vielen Ländern für diese Stadt, wobei die Madrasa in diesem Zusammenhang, wie eine akademische Brücke zwischen europäischen und islamischen Kulturen fungierte.

Heute ist die Madrasa unter dem Namen Universität al-Qarawīyīn (Fès, Marokko) bekannt und gilt als die älteste Universität der Welt. Im zwanzigsten Jahrhundert wurden ihre Forschungsbereiche erweitert. Unabhängig davon, ob es sich um Mathematik, Geistes-, Gesellschafts- oder Naturwissenschaften handelt, wird mittlerweile eine breitgefächerte Auswahl an Studiengängen angeboten.

Als Fāṭima al-Fihrī ihr Lebensprojekt damals mit großem Eifer begann, hat sie vielleicht mit ebenso eifrigen Studenten gerechnet. Dass ihre Madrasa jedoch die Blütezeit der islamischen Zivilisation so entscheidend prägen und sogar den Grundstein für moderne Bildungseinrichtungen legen würde, übertraf womöglich sogar ihre eigenen Erwartungen. Trotzdem lassen wir edle Frauen wie Fāṭima al-Fihrī häufig außer Acht, wenn wir über den zivilisatorischen Beitrag der islamischen Welt für unsere heutige Gesellschaft sprechen. Statt dem vorbildlichen Umgang einer islamisch geprägten Gesellschaft mit dem weiblichen Geschlecht, was in Europa sogar ein ganzes Jahrtausend später unvorstellbar war, gilt die öffentliche Aufmerksamkeit bei der Diskussion des islamischen Wertesystems oft lieber zeitgenössischen Männer orientalischer Herkunft. Die beispiellose rechtliche Lage der Frau als respektables und aktives Gesellschaftsmitglied in der Geschichte der Muslime wirkt heute ebenso vergessen, wie manch andere historische Kapitel, die mancherorts mit der undurchsichtigen Bezeichnung des ,,düsteren Zeitalters“ leise abgehackt werden.

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