Botschaften trotz Gaza: Marokko und Israel rücken näher

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Marokko haben im September 2026 einen weiteren Schritt gemacht: Die Außenminister beider Länder, Gideon Sa’ar und Nasser Bourita, vereinbarten in New York unter Vermittlung des US-Botschafters bei den Vereinten Nationen, Mike Waltz, die bestehenden Verbindungsbüros zu vollwertigen Botschaften aufzuwerten und Botschafter auszutauschen. Zudem sollen Direktflüge wieder aufgenommen und Abkommen über Investitionsschutz sowie die Vermeidung von Doppelbesteuerung bis Ende 2026 abgeschlossen werden. Die Entscheidung erfolgte im Rahmen der Abraham-Abkommen und wurde als Bekenntnis zu deren „Geist“ dargestellt.

Diese Entwicklung steht im Kontrast zu einer weit verbreiteten Ablehnung in der marokkanischen Bevölkerung, die sich besonders seit dem Ausbruch des Gaza-Kriegs nach dem 7. Oktober 2023 verstärkt hat.

Die Kontakte zwischen Marokko und Israel reichen weit zurück. Bereits unter König Hassan II. gab es inoffizielle und teilweise geheime Kooperationen, darunter Sicherheits- und Nachrichtendienstkontakte. In den 1990er-Jahren unterhielten beide Länder Verbindungsbüros, die Marokko jedoch 2000 während der Zweiten Intifada schloss.

Im Dezember 2020 normalisierten sie die Beziehungen im Rahmen der von den USA unter Präsident Donald Trump vermittelten Abraham-Abkommen. Im Gegenzug anerkannten die USA die marokkanische Souveränität über die Westsahara – ein zentrales nationales Anliegen Rabats. Israel folgte 2023 mit einer eigenen Anerkennung. Die Beziehungen umfassen seither wirtschaftliche, technologische, landwirtschaftliche und vor allem sicherheitspolitische Kooperation. Marokko profitiert strategisch von dieser Partnerschaft gegenüber regionalen Rivalen wie Algerien, während Israel Zugang zu einem wichtigen nordafrikanischen Partner erhält.

Trotz früherer Ankündigungen (etwa 2021) blieben die Vertretungen lange auf dem Niveau von Verbindungsbüros. Die aktuelle Entscheidung markiert die erste geplante volle Botschafterebene.

Umfragen zeigen eine deutliche Kluft zwischen Regierungspolitik und Bevölkerungsmeinung. Laut dem Arab Index 2025 lehnen 89 Prozent der Marokkaner die Anerkennung Israels ab; die Unterstützung für Normalisierung sank von etwa 20 Prozent (2022) auf rund 6 Prozent. Ähnliche Trends zeigen Arab-Barometer-Daten: Die Zustimmung fiel nach dem Gaza-Krieg von etwa 31 Prozent (2022) auf 13 Prozent oder niedriger. Viele Marokkaner betrachten die Palästina-Frage als gemeinsame arabische Angelegenheit.

Seit 2023 kam es wiederholt zu Demonstrationen in Rabat und anderen Städten gegen die Normalisierung und den Gaza-Krieg. Organisationen wie die marokkanische Front zur Unterstützung Palästinas und gegen Normalisierung forderten den Abbruch der Beziehungen und die Ausweisung israelischer Diplomaten. Nach der Botschaftsankündigung vom 16. September 2026 kündigten Gegner Mobilisierungen an (u. a. 25.–27. September). Die Regierung erlaubt Proteste in begrenztem Rahmen, unterdrückt aber „radikale Auswüchse“ und hält an der strategischen Linie fest.

Die jüdische Gemeinschaft in Marokko (heute wenige Tausend, vor allem in Casablanca) und die große Zahl von Israelis mit marokkanischen Wurzeln werden oft als kulturelle Brücke angeführt. Dennoch überwiegt in der breiten Öffentlichkeit die Solidarität mit den Palästinensern.

Der Gaza-Krieg hat die öffentliche Stimmung stark beeinflusst. Berichte über hohe zivile Opferzahlen, Zerstörung und humanitäre Not in Gaza führten in weiten Teilen der arabischen Welt, einschließlich Marokko, zu massiver Kritik.

Demonstranten und große Teile der Öffentlichkeit bezeichnen die israelischen Aktionen in Gaza als Genozid. Dieser Vorwurf wird von einer wachsenden Zahl von Genozid-Forschern und -Expertinnen geteilt. Die International Association of Genocide Scholars (IAGS), die weltweit größte Vereinigung von Genozid-Wissenschaftlern, verabschiedete 2025 mit großer Mehrheit (86 Prozent der Abstimmenden) eine Resolution, wonach Israels Politik und Handlungen in Gaza die rechtliche Definition des Völkermords gemäß der UN-Völkermordkonvention von 1948 erfüllen. Ähnlich äußerten sich führende Forscher wie der israelische Historiker Raz Segal (der bereits kurz nach dem 7. Oktober 2023 von einem „Lehrbuchfall von Genozid“ sprach), der Holocaust-Forscher Omer Bartov (Brown University), der seine anfängliche Zurückhaltung später aufgab, sowie Amos Goldberg und andere. Auch die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese kam in mehreren Berichten zu dem Schluss, dass der Schwellenwert für Genozid erreicht sei.

Der Internationale Gerichtshof (IGH) prüft weiterhin die Klage Südafrikas gegen Israel wegen mutmaßlicher Verletzung der Völkermordkonvention; vorläufige Maßnahmen wurden angeordnet, ein endgültiges Urteil steht jedoch noch aus (die schriftlichen Verfahren reichen voraussichtlich bis 2029). Israel weist den Genozid-Vorwurf entschieden zurück und beruft sich auf sein Recht auf Selbstverteidigung gegen die Hamas. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International haben ebenfalls von Genozid oder genozidalen Handlungen gesprochen. Die marokkanischen Öffentlichkeit lehnt die Normalisierung ab.

Die Eröffnung von Botschaften und die Vertiefung der Beziehungen folgen klaren strategischen Interessen Marokkos – insbesondere der internationalen Absicherung des Westsahara-Anspruchs – und Israels Interesse an regionalen Partnerschaften. Die Regierung in Rabat unter König Mohammed VI. priorisiert diese Realpolitik und die Vorteile in Sicherheit, Wirtschaft und Diplomatie.

Gleichzeitig besteht eine erhebliche Diskrepanz zur öffentlichen Meinung, die durch den Gaza-Krieg noch verschärft wurde. Proteste und Umfragen belegen, dass große Teile der Bevölkerung die Normalisierung ablehnen und eine stärkere Solidarität mit den Palästinensern fordern. Ob die institutionelle Aufwertung der Beziehungen diese Kluft dauerhaft überbrücken kann oder weitere Spannungen erzeugt, bleibt abzuwarten.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*