Die marokkanischen Behörden sollen nach Recherchen von Amnesty International über Jahre hinweg Journalisten, Menschenrechtsverteidiger und andere kritische Stimmen mit einem weitreichenden digitalen Überwachungssystem ins Visier genommen haben. Im Zentrum steht dabei unter anderem die Spionagesoftware Pegasus, die vom israelischen Unternehmen NSO Group entwickelt wird.
Ein am 1. Oktober veröffentlichter Amnesty-Bericht stützt sich nach Angaben der Organisation unter anderem auf Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters des marokkanischen Nachrichtendienstes DGST, forensische Untersuchungen kompromittierter Geräte, geleakte Überwachungsdaten und interne Dokumente aus der Überwachungsindustrie. Amnesty beschreibt ein System, das neben Spyware auch physische Überwachung, Abhörtechnik und weitere digitale Methoden umfasst.
Pegasus wird von der israelischen NSO Group entwickelt. Die Software kann Mobiltelefone ausspionieren und – je nach Angriffsmethode und technischer Konfiguration – unter anderem auf Nachrichten, Fotos, Dateien, Standortdaten und Kommunikationsdaten zugreifen. Bei bestimmten Angriffen ist nach Angaben von Sicherheitsforschern keine Interaktion des Nutzers erforderlich.
Im Zusammenhang mit Marokko berichtet Amnesty, dass interne Unterlagen der NSO Group die marokkanischen Behörden unter dem Codenamen „Morgen“ als Kunden beziehungsweise Nutzerbezug ausweisen. Marokko hat den Vorwurf des Einsatzes von Pegasus gegen eigene Bürger in der Vergangenheit zurückgewiesen.
Der Einsatz von Pegasus gegen kritische Stimmen ist nicht auf den aktuellen Marokko-Fall beschränkt. Bereits 2021 dokumentierten Amnesty International und das Citizen Lab mehrere Fälle, in denen Mobiltelefone palästinensischer Menschenrechtsverteidiger mit Pegasus kompromittiert worden waren.
Forensische Untersuchungen bestätigten damals Pegasus-Spuren auf Geräten von sechs palästinensischen Menschenrechtsverteidigern. Die Betroffenen arbeiteten für palästinensische zivilgesellschaftliche Organisationen. Die Angriffe erfolgten nach den damaligen Untersuchungen in den Jahren 2020 und 2021.
Amnesty kommt in seinem neuen Bericht zu dem Schluss, dass die marokkanischen Sicherheitsbehörden ein umfangreiches Instrumentarium zur Überwachung kritischer Stimmen aufgebaut hätten. Zu den beschriebenen Methoden gehören neben Pegasus unter anderem Netzwerküberwachung, Ortung, Abhörtechnik sowie die physische Überwachung von Zielpersonen.
Die Organisation identifizierte nach eigenen Angaben zudem zahlreiche marokkanische Telefonnummern, die als potenzielle Ziele von Pegasus erfasst worden seien. Unter den identifizierten Personen befanden sich Menschenrechtsverteidiger, Journalisten, Anwälte und Akademiker.
Die marokkanischen Behörden haben auf die Anfrage von Amnesty vor Veröffentlichung des Berichts nach Angaben der Organisation nicht reagiert. Auch mehrere der von Amnesty kontaktierten Technologieunternehmen wiesen Vorwürfe zurück oder erklärten, keinen entsprechenden aktuellen Vertrag mit marokkanischen Behörden zu haben.
Der Fall wirft damit erneut die Frage auf, wie kommerzielle Überwachungstechnologien eingesetzt werden und welche Kontrolle über ihren Export und ihre Nutzung besteht. Pegasus ist eine israelische Technologie, wird aber an staatliche Kunden verschiedener Länder lizenziert.
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