Bayer, Israel und der Libanon: Die Spur von Glyphosat und Phosphor

Recherchen von Medico International und der Coordination gegen Bayer-Gefahren werfen Fragen zur möglichen Verbindung zwischen Bayer, der US-Phosphorproduktion und israelischer Kriegsführung auf.

Der Vorwurf klingt schwerwiegend: Der deutsche Bayer-Konzern könnte indirekt an der Versorgung Israels mit Stoffen beteiligt sein, die im Krieg im Gazastreifen und im Libanon eingesetzt werden. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei unterschiedliche Substanzen: Glyphosat, ein weit verbreitetes Herbizid, und weißer Phosphor, der unter anderem als Brand- und Rauchmittel militärisch eingesetzt werden kann.

Recherchen der Coordination Bayer-Gefahren (CBG) und von Medico International versuchen, eine Verbindung zwischen den israelischen Einsätzen, internationalen Lieferketten und Bayer herzustellen. Die bislang öffentlich verfügbaren Belege ergeben ein differenzierteres Bild: Es gibt dokumentierte Verbindungen zwischen Bayer und der US-Phosphorproduktion. Eine direkte Lieferkette von Bayer zu israelischen Streitkräften ist dagegen nicht nachgewiesen.

Weißer Phosphor im Libanon

Der Einsatz von weißem Phosphor durch die israelischen Streitkräfte im Südlibanon ist seit Beginn des Krieges Gegenstand internationaler Untersuchungen. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International haben den Einsatz dokumentiert und vor den schwerwiegenden Folgen für die Zivilbevölkerung gewarnt.

Weißer Phosphor entzündet sich bei Kontakt mit Sauerstoff und entwickelt sehr hohe Temperaturen. Er kann schwere Verbrennungen verursachen und wird militärisch unter anderem eingesetzt, um Rauchschleier zu erzeugen oder Gebiete zu beleuchten.

Dabei ist eine wichtige rechtliche Unterscheidung notwendig: Weißer Phosphor gilt nicht als „Chemiewaffe“ im Sinne der Chemiewaffenkonvention. Sein Einsatz ist jedoch nicht uneingeschränkt erlaubt. Entscheidend sind unter anderem das Ziel, die Umgebung und die konkrete Art des Einsatzes. Unter bestimmten Umständen verstößt die Verwendung gegen das humanitäre Völkerrecht.

Die Verbindung zu Bayer

Der wichtigste Teil der aktuellen Recherche führt nicht zunächst nach Israel, sondern in den US-Bundesstaat Idaho.

Bayer übernahm 2018 den US-Agrarkonzern Monsanto. Zum übernommenen Geschäft gehört auch eine Produktionsanlage in Soda Springs, Idaho. Dort wird elementarer Phosphor hergestellt.

Dieser Stoff hat verschiedene industrielle Anwendungen. Er kann unter anderem als Ausgangsmaterial für chemische Produkte dienen. Gleichzeitig ist elementarer Phosphor für die Herstellung bestimmter militärischer Rauch- und Brandmittel relevant.

Die strategische Bedeutung der Produktion wurde Anfang 2026 auch von der US-Regierung hervorgehoben. Eine von Präsident Donald Trump unterzeichnete Anordnung bezeichnete die Versorgung mit elementarem Phosphor und Glyphosat-basierten Herbiziden als relevant für die nationale Verteidigung.

Damit ist eine Verbindung zwischen Bayer und einem Stoff, der auch für militärische Anwendungen verwendet wird, tatsächlich dokumentiert.

Dass Bayer über eine Produktionsstätte für elementaren Phosphor verfügt, beweist noch nicht, dass der von israelischen Streitkräften eingesetzte weiße Phosphor aus dieser Anlage stammt.

Für einen solchen Nachweis wären beispielsweise konkrete Lieferverträge, Exportdokumente, Chargennummern oder andere Unterlagen erforderlich, die den Weg des Materials bis zu einer bestimmten israelischen Munition nachvollziehbar machen.

Solche Belege sind bislang öffentlich nicht vorgelegt worden.

Auch Bayer weist Vorwürfe zurück, den israelischen Staat direkt mit Glyphosat oder weißem Phosphor für militärische Zwecke zu beliefern.

Glyphosat im Südlibanon

Eine zweite Spur führt zu Glyphosat. Libanesische Behörden warfen Israel Anfang 2026 vor, das Herbizid im Grenzgebiet eingesetzt zu haben. Nach Angaben des libanesischen Landwirtschaftsministeriums wurden in Bodenproben erhöhte Konzentrationen festgestellt.

Der Vorwurf ist deshalb brisant, weil Glyphosat normalerweise zur Unkrautbekämpfung in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Ein gezielter Einsatz zur Zerstörung landwirtschaftlicher Flächen wäre dagegen eine völlig andere Verwendung.

Auch hier stellt sich die Frage nach der Herkunft des eingesetzten Produkts.

Deutschland gehört zu den Ländern, aus denen Israel Glyphosat importiert. Bayer wiederum ist einer der weltweit bedeutenden Hersteller und Vermarkter glyphosathaltiger Produkte.

Damit existiert eine mögliche Verbindung.

Die Recherche der Bayer-kritischen Organisationen beschreibt eine mögliche Lieferkette:

Bayer/Monsanto → Produktion von Phosphor bzw. Glyphosat → internationale Handelswege → Israel → militärischer Einsatz.

Mehrere einzelne Glieder dieser Kette sind dokumentiert. Die vollständige Kette bis zur konkreten israelischen Waffe oder zum konkreten Einsatz ist bislang noch nicht öffentlich nachgewiesen.

Das macht die Frage nicht bedeutungslos. Im Gegenteil: Gerade bei militärischen Lieferketten ist Transparenz häufig schwierig. Unternehmen können Zwischenhändler beliefern, während Staaten über verschiedene Beschaffungswege einkaufen.

Für eine eindeutige Zuordnung reicht jedoch die bloße Möglichkeit einer Lieferkette nicht aus.

Die Debatte erhält zusätzliche politische Schärfe durch die deutsche Geschichte des Bayer-Konzerns.

Bayer war Teil der IG Farben, eines der wichtigsten deutschen Chemiekartelle des 20. Jahrhunderts. Die IG Farben war tief in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft eingebunden. Das Unternehmen war außerdem über Beteiligungen und Geschäftsbeziehungen mit der Herstellung von Zyklon B verbunden, das im nationalsozialistischen Vernichtungsapparat eingesetzt wurde.

Auch Monsanto hat eine belastete Geschichte. Das Unternehmen gehörte zu den Herstellern von Agent Orange, das während des Vietnamkriegs von den US-Streitkräften eingesetzt wurde.

Diese historischen Zusammenhänge sind dokumentiert. Sie beweisen allerdings nicht, dass heutige Bayer-Produkte als Waffen für Israel hergestellt werden.

Der aktuelle Kenntnisstand lässt sich deshalb in vier Punkten zusammenfassen:

Erstens: Israel hat im Libanon nachweislich völkerrechtswidrig weißen Phosphor eingesetzt.

Zweitens wurden im Südlibanon laut libanesischer Behörden Glyphosat-Rückstände festgestellt. Die Vorwürfe gegen Israel sind Gegenstand weiterer Untersuchungen. Mehrere Videos zeigen, wie israelische Flugzeuge eine Flüssigkeit über libanesischem Boden abwerfen.

Drittens: Bayer besitzt über die Monsanto-Übernahme eine Produktionsstätte in den USA, die elementaren Phosphor herstellt. Dieser Stoff besitzt auch militärische Bedeutung.

Viertens: Ein öffentlich belegter Nachweis, dass Bayer den von Israel eingesetzten weißen Phosphor oder das im Libanon gefundene Glyphosat geliefert hat, liegt bislang noch nicht vor.

Gleichzeitig bleibt die Frage nach der Verantwortung internationaler Unternehmen in militärischen Lieferketten bestehen. Gerade deshalb wäre eine vollständige Offenlegung der Handels- und Lieferdaten von Unternehmen, Regierungen und Militärs wichtig.

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